Moderner Luxus zeigt sich nicht mehr nur in materiellen Dingen, sondern vor allem auch
im Umgang mit unserer Zeit. Er offenbart sich in Momenten der Muße, in geselliger Runde
und im scheinbar Zweckfreien.
Das einstige materielle Luxusverständnis der vorindustriellen Zeit geht auf eine
Gesellschaft zurück, in der Mangel den Alltag bestimmte. Dies änderte sich erst mit der
Industrialisierung und dem Massenkonsum. Als die breite Bevölkerung das Nötigste zum
Leben hatte, rückten immaterielle Werte in den Vordergrund. Es ging nun nicht mehr nur
um Besitz, sondern um die Freiheit, die eigene Zeit selbstbestimmt zu gestalten.
Im 19. Jahrhundert blieb diese Souveränität über die eigene Zeit jedoch ein exklusives
Privileg. Wer gesellschaftlich ganz oben stand, konnte über seine Stunden selbst
verfügen. Wer diese Macht nicht hatte, war wirtschaftlich abhängig. Freie Zeit musste
man sich leisten können – so ist es noch heute.
Im 19. Jahrhundert zeigte sich dies deutlich. Adel und Wohlhabende widmeten ihre Tage
der Muße, der Bildung und dem repräsentativen Genuss. Der arbeitenden Bevölkerung
dagegen blieb nur das absolute Minimum an freier Zeit. Ein kurzes Fragment, das
keineswegs der Selbstentfaltung, sondern der bloßen körperlichen Erholung diente. Zur
Etikette der Reichen gehörten glanzvolle Bälle, Pferderennen und der Besuch von
Theatern und Konzerten. Ein zentraler europäischer Schauplatz dieser Lebenswelt war
die Kurstadt Baden-Baden.
Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts lockerte sich dieses starre Gefüge. Beamtinnen
erhielten ab 1873 das Recht auf Urlaub, Angestellte ab 1895. Arbeiterinnen erst sehr viel
später – im Jahr 1919. Im Jahr 1891 erließ Kaiser Wilhelm II. schließlich ein Gesetz, das
die täglichen Arbeitszeiten verkürzte, die Sonntagsruhe einführte und den Arbeitsschutz
stärkte.
Mit dieser mühsam gewonnenen Freizeit entstanden rasch neue Angebote wie
Sportveranstaltungen, Varietés oder Jahrmärkte. Für die Arbeiterklasse fühlte sich ihre
freie Zeit wie kostbarer Luxus an. Teile der besitzenden Klasse genossen seit jeher das
Privileg, erst gar nicht arbeiten zu müssen.
Immaterieller Luxus
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