Der Zweite Weltkrieg veränderte auch das Leben im Kloster St. Marienthal grundlegend. In dieser Aufnahme hören Sie, wie das Kloster zunächst Kinder aus dem bombardierten Hamburg aufnahm und später zu einem Militärlazarett wurde.
„In Hamburg waren ganz schwere Luftangriffe und deshalb hat das Deutsche Reich empfohlen, dass Eltern ihre Kinder aufs Land verschicken können, wo es keine Bombenangriffe gab. Und deswegen kamen zwei Schulklassen mit ihren Lehrern nach St. Marienthal.
Die NSDAP hatte dafür gesorgt, dass Schwestern Platz machen mussten, in ihren Zellen zusammenrücken mussten, damit Räumlichkeiten für diese Kinderlandverschickung frei wurden.
Die Schwestern hatten dort nichts zu sagen, sie durften weder für die Kinder waschen noch für die Jungen kochen. Es war ein NSDAP-Mann, der hier die Leitung hatte und die Verpflegung war so schlecht, dass die Kinder den hier abgenommen haben, dass sie nach Hause geschrieben haben, wie schlecht es ihnen hier geht. Und dann hat die NSDAP einen Arzt aus Zittau hergerufen, den Dr. Ansbach und er sollte bestätigen, dass die Kinder zu eng beieinander wohnen, dass die Schwestern noch mehr Platz freimachen müssen, damit die Kinder Platz kriegen.
Und dieser Dr. Ansbach kam her, hat sich angeguckt, wie die Schwestern wohnen, wie die Kinder wohnen und hat gesagt, er kann das mit seinem Gewissen nicht verantworten. Die Schwestern leben zu eng beieinander, die können nicht noch enger zusammenrücken und dafür wurde er dann später strafversetzt.
Und als das dann aufgelöst wurde, weil die Eltern dann gesagt haben, nein, das gefällt uns hier nicht, wir nehmen die Kinder wieder mit nach Hamburg, dann wurden die Räume für ein Militärlazarett verwendet. Die Betten standen im Schlafhaus, im Südflügel und aber auch in der Probstei. Es kamen Militärärzte mit her, aber die Schwestern, die vorher in der Klausur gelebt hatten und ja nie mit Männern zusammengekommen waren, wurden jetzt ausgebildet als Krankenschwestern in einem Kurz-Kurz-Lehrgang und mussten jetzt diese Männer versorgen.
Und das war für die Schwestern eine ungeheure Überwindung und auch für die Männer, von einer Nonne angefasst zu werden, war für die Männer auch, finde ich, ungewohnt. Also die Schwestern waren hier als Krankenschwestern und das Militärlazarett war hier bis kurz vor Kriegsende, als dann klar war, dass die Rote Armee hierher kommen würde, wurden die Soldaten hier weggeholt.“
Was als Zufluchtsort für Kinder und später als Lazarett begann, spitzte sich in den letzten Kriegstagen dramatisch zu. Angst, Zerstörung und die Nähe der Front bestimmten nun den Alltag im Kloster St. Marienthal. In der folgenden Aufnahme hören Sie von den Ereignissen der letzten Kriegstage im Mai 1945.
„Am 18.04. kommen 400 Verwundete nach Marienthal. Die Schwestern beten täglich zum Heiligen Josef um Schutz. Am 01.05. kommt in Marienthal die offizielle Meldung von Hitlers Tod an. Die Verwundeten werden fortgebracht. Am 05.05. wird das Kloster zum Hauptverbandsplatz mit 200 Sanitätern. Auch der Konvent bereitet jetzt seine Flucht vor. Am 06.05. gehen die Schwestern das erste Mal in den Luftschutzkeller, da Lichtkugel bemerkt wurden. Es halten sich nicht nur die Zisterziensern von Marienthal im Großen auf, sondern auch geflüchtete Benediktinerinnen aus Aibingen und Magdalenerinnen aus Laubahn. Am 07.05. kommt ein Befehl, alle kranken Kinder und Frauen wegzubringen.
Mittags nach Tisch verkündet die Äbtissin, sie stelle es allen frei, das Haus zu verlassen. Jede Schwestern bekam einen Rucksack mit Reiseproviant und die Ersten machten sich auf den Weg.
Am 07.05. 1945 kam die SS-Division Frunzberg in den Klosterhof. Die SS-Leute verlangten von Äbtissin Zelsa, dass sie und die Schwestern das Klostergebäude sofort verlassen. Eine Frist wurde eingesetzt, denn die Klostergebäude sollten vernichtet werden. In dieser bedrängten Lage entschied Epnissin Zelsa für sich, doch zu bleiben.
Und mit ihr blieben alle Schwestern. Da die russische Front nachdrängte, wurde die Klosterbrücke gesprengt, aber das Kloster blieb erhalten. Trotzdem war der Schaden an den Gebäuden groß.
Bei einem Fliegerangriff am 08.05.1945 fiel ein Volltreffer in den Luftschutzkeller beim Waisenhaus. Ein zweiter Treffer zertrümmerte Teile der Hauptfassade des Klosters. Wertvolle Sandsteinarbeiten und Figuren wurden vernichtet. Der Seitenflügel wurde durch Granatsplitter stark beschädigt. Der Schul- und Waisenhausbau war zu 60 % zerstört. Ein dritter Bombenangriff traf den Garten nahe der Klostermauer. Die wertvollen Glasmalereifenster zerbrachen in der Klosterkirche und im Konventgang. Ein großer Schaden entstand in den Dächern, Decken und Wänden. Das wurde schlimmer als der Regen.
Weitere Bomben fielen in den Ort Marienthal, in die Neiße und in den Wald. Auch im Klosterwald war ein großer Schaden entstanden. Die Nazi-Verwaltung ließ Bäume für Panzersperren fallen.“